Acht "Zwerge" auf Survival-Tour in Botswana

Wenn Adrenalin der einzige Treibstoff ist. ... Botswana Safari 2009

Die Teilnehmer: Caspar Venter (Oberzwerg), Casper Venter (Opa Zwerg), Rüdiger Schmidt (Schlüpferzwerg), Falk Gonschorek (Cityzwerg), Eike Kynast (Doktorzwerg), Bernd Drude (Beamtenzwerg), Torsten Röpcke (PS-Ichhabdichliebzwerg) und Andreas Woller (Reinigungszwerg).

 

Zehn Tage, neun Nächte und acht Abenteuerlustige – das waren die „Zutaten“, die für die Venter-Survival-Tour in Botswana Ende März bis Anfang April benötigt wurden. Doch was am Ende herauskam, konnte wohl keiner so richtig abschätzen, auch ich nicht, wenn ich ganz ehrlich bin. Das habe ich jedoch keinem der Teilnehmer – allesamt Freunde und Familienangehörige – verraten.

Doch der Reihe nach.

Schon weit vor dem Aufbruch ins große Abenteuer beschäftigte sich jeder der Teilnehmer auf ganz individuelle Art und Weise mit der bevorstehenden Herausforderung. Der Doktorzwerg packte für alle Eventualitäten Medikamente ein. Außer einer OP am offenen Herzen hätten wir somit alle Notfälle überleben können. Zum Glück brauchten wir die Medizin nicht und überließen sie später einem Arzt in Afrika. In den Taschen der anderen befanden sich zum Beispiel Buschmesser von ungeahnten Ausmaßen, Imprägnierspray oder auch Zeltlampen, die man per Fernbedienung einschalten konnte. Angesichts dessen habe ich mich gefragt, warum wir den Titel „Komfortzwerg“ nicht verliehen haben. Naja, wer weiß, wozu es gut ist, dachte ich mir noch bei der „Taschenkontrolle“.

 

Die Reise begann mit einem für Afrika-Neulinge endlosen Flug. So waren wir wenigstens schon ein bisschen auf die anstehenden Strapazen eingestimmt. Und verglichen mit den Unwegbarkeiten Afrikas sind zehneinhalb Stunden mit British Airways purer Luxus. In Johannesburg gelandet, folgte zunächst die Einweisung in die beiden Land Rover Defender, die in den kommenden Tagen unsere mehr oder weniger treuen Wegbegleiter und Herberge werden sollten. Man kann geteilter Meinung sein, ob zweieinhalb Stunden für eine solche Einweisung nun lang oder kurz sind. Wie sich herausstellen sollte, haben wir manch wichtiges Detail trotzdem nicht ganz richtig verstanden. Die erste große Aufgabe unserer Tour bestand darin, den Weg aus Johannesburg zu finden. Die Fußball-WM-Vorbereitungen laufen auf Hochtouren und da die richtige Straße nicht ersichtlich war, nahmen wir etwas genervt den Weg querfeldein.

 

Verspätungen wurden so von Anfang an zum Markenzeichen der Tour. Trotzdem erreichten wir am Abend die erste Station, den Marakele National Park. Nach einem gemütlichen Abendbrot vom Grill wollten wir uns eigentlich nur noch schlafen legen. Doch komische Reißgeräusche in der Nähe der Jeeps hielten uns davon ab. Eine Taschenlampe brachte Licht ins wahrliche Dunkel: Sieben Breitmaulnashörner hatten mindestens genauso großen Hunger wie wir und erklärten das Terrain rund um unsere bereits aufgeklappten Dachzelte zu ihrer Küche. Da Nashörner eher schlecht sehen, dafür aber gut riechen und hören, warteten wir leise ab, bis sie sich letztendlich entfernten. „Durch dieses Erlebnis hatte man gleich von Anfang an Respekt vor der Natur“, waren sich die anderen „Zwerge“ nach der Fahrt sicher. Mir verrieten später Einheimische, dass so eine Begegnung höchst selten vorkommt.

Nach dem Frühstück und zahlreichen Gelegenheiten Zebras und Gnus auf Film und Foto zu bannen ging es in Richtung Botswana. Als wir noch voller Tatendrang die Grenze passierten, was manchmal an sich schon ein Abenteuer ist, konnten wir erste „komische Geräusche“ eines unserer Defender-Jeeps vernehmen. Doch noch war keine Zeit für Sorgen. Und wahrscheinlich lag es auch an unserem Fahrstil: Wir bemühten uns nämlich die Strecke zum Khama Rhino Sanctuary möglichst schnell hinter uns zu bringen und fuhren „hart am Limit“.

 

Im Khama Rhino Sanctuary schlugen wir unser Camp auf und am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg nach Maun.
Meinen Freunden wollte ich unbedingt Letlhakane zeigen, ein Dorf entlang der Wegstrecke. Hier habe ich mal gearbeitet. Von dem dortigen Frühstück waren sie nicht allzu sehr begeistert, dafür gab es später wieder tolle Fotomotive. Eike konnte unter anderem feststellen, dass Rollatoren weltweit ihre Anwendung finden. Ein Einheimischer zeigte uns nämlich stolz seine selbstkonstruierte Gehhilfe, die mehr ein Gehbock war, wie Eike anmerkte. Eine ganz andere Art von Hilfe konnten wir auch einem Polizisten zukommen lassen, dessen Auto einen Platten hatte. Nun mussten wir uns aber sputen, denn bis Maun war es noch ein ganz schöner Kanten. Der eine Defender weigerte sich inzwischen den Rückwärtsgang anzunehmen. Naja, bis Maun ging es ja auch erstmal ohne selbigen. Uns plagten dann irgendwann ganz andere Sorgen: Die Tankanzeige des einen Jeeps zeigte auf „voll“, die des anderen auf „leer“. Nun hieß es bis zur nächsten Tankstelle – die noch rund 80 Kilometer entfernt war – im Windschatten des anderen Jeeps zu fahren. Stoßstange an Stoßstange fährt man ansonsten ja nur in Deutschland und das meistens auch nur im Stau. Doch unsere Taktik zahlte sich aus und wir erreichten die erste Tankstelle in Maun. Wegen des Rückwärtsgang-Problems konnten wir beim Verleih niemanden erreichen – es war Samstag und der ist für Rugby reserviert. Später versicherte man uns aber: Alles in Ordnung, ihr könnt weiterfahren. So machten wir in Ruhe ein paar Besorgungen für die nächsten vier Tage. Nichts Besonderes, keine Luxusartikel, nur was man halt so braucht. Wie sich später herausstellte, hätte ich bei einigen auch in Maun lieber eine „Taschenkontrolle“ gemacht.
Sue, die dort Lodges betreibt, erzählte uns abends, dass in letzter Zeit auffällig viel Regen gefallen sei – allein 400 Milliliter pro Quadratmeter in den vergangenen Wochen. In Botswana sind es sonst 600 ml/qm im Jahr. Hätten wir da gewusst, dass uns gefühlte 3000 davon begegnen werden...

 

Am vierten Tag war das Xakanaxa Camp unser Ziel.
Zum Eingewöhnen auf die bevorstehenden vier Tage ohne spürbare Zivilisation fuhren wir von Maun (Audi Camp) nach South Gate, dem Eingangstor zum Moremi Wildreservat eine etwas andere Route, um Offroad Erfahrungen zu sammeln. Hier bei South Gate trafen wir auf zwei arg ramponierte Jeeps, deren Insassen geschafft dreinschauten und versicherten: „Eure Route bis North Gate quer durch Moremi werdet ihr nicht schaffen…Wasser ohne Ende!“ So filmreif dies klingen mag, es ist wirklich wahr. Meine Route stand jedoch fest und ich wollte vor meinen Freunden nun wirklich nicht kneifen, zumal wir uns die bekannten vier Brücken ansehen wollten, von denen allerdings nur noch zwei befahrbar sind. „Und das auch nur unter afrikanischen Schwerkraftgesetzen“, wie die anderen scherzten.
Endlich am späten Nachmittag im Xakanaxa Camp angekommen, konnten wir uns auf die Nacht vorbereiten. Ein tolles Camp mit dem gerade erst fertig gestellten Sanitärtrakt und die Bootstour im Okavango Delta am nächsten Morgen war ein guter Anfang für den neuen Tag.

 

Wir machten uns dann auf den Weg zum Kwai River North Gate. Die übliche Strecke verläuft zurück über das South Gate, aber das war nicht mein Plan - wir wollten querfeldein entlang des Flusses.
Doch dieser Weg war der erste unserer Reise, der so richtig beschwerlich wurde. Die Jeeps versackten knietief im Schlamm und die jeweilige Crew wurde auf die Probe gestellt. „In Deutschland springt man einfach aus dem Auto und guckt, was passiert ist“, war am Anfang bei den „Survival-Zwergen“ die Herangehensweise. Doch in Afrika muss man erst einmal die Umgebung sondieren und nach etwaigen Gefahren abchecken. Erst dann kann man in das springen, was die anderen so charmant mit „Güllegrube“ beschrieben. Mit Ach und Krach konnten wir mit dem Wagenheber die Jeeps aus dem Schlamm befreien.
Torsten behauptet noch immer, dass sich das Auto bei dem Lehmboden eher um die eigene Achse dreht, als wieder geradeaus zu fahren.
Auf der Karte war unterwegs ein Affenbrotbaum eingezeichnet, der rund 1500 Jahre alt sein soll. Aber der war selbst mit GPS partout nicht zu finden. „Wahrscheinlich ist diese Rarität gerade auf Wanderausstellung“, witzelten die anderen erneut. Bis sich uns ein Elefant in den Weg stellte. Die wild wackelnden Ohren ließen nichts Gutes vermuten. Deshalb gab ich über Funk nur das Kommando: „Macht den Motor an und fahrt langsam los.“ Seine Stoßzähne verfehlten uns und so war außer einem Adrenalinstoß eigentlich nichts nennenswertes zurückgeblieben.

Nach Scherzen war uns bald nicht mehr zumute. Denn vor uns lag das, was wir im Nachhinein als die „zentrale Situation“ der Tour bezeichneten. Zunächst versackte ein Jeep im Schlamm. Die anderen konnten sich mit ihrem Defender auf ein trockeneres Stück in rund 150 Metern „Hörweite“ flüchten. Doch auch dieses war viel zu dicht am Dickicht und damit an potenziellen Rastplätzen wilder Tiere. Zusätzlich wirkten die Fraß- und Liegespuren im Gras, die vermutlich von Hippos stammten, wenig vertrauenserweckend. Ein bisschen machte sich eine Weltuntergangsstimmung breit, denn die Dämmerung nahte und jeder hatte das Gefühl, jetzt tatsächlich eine „Überlebens-Tour“ mitzumachen. An dieser unmöglichen Stelle mussten wir übernachten, denn wir wussten, um das Drei-Tonnen-Gefährt wieder frei zu bekommen, hatten wir nur einen Versuch. Gott-sei-Dank klappte dieser, denn wir waren inzwischen ein wirklich gut eingespieltes Team. Selbst dass der Wagenheber 30 Zentimeter im „Pudding“-Boden verschwand, konnte uns nicht mehr schocken. Bis zum Kwai River North Gate waren es nur noch sieben Kilometer.

Doch es wurde noch wesentlich feuchter, genauer genommen richtig nass. Über eine schenkeltiefe Wasserstraße ging es weiter. Meinen Funkspruch: „Ein Krokodil ist gerade am Jeep vorbeigeschwommen und ein Fisch sprang auf die Motorhaube!“ hielten die Vier im hinterherfahrenden Auto zunächst für einen Scherz. Bei solchen „Straßenverhältnissen“ gibt es aber kein Bremsen und kein Beschleunigen – es heißt einfach draufhalten und gleichmäßig Gas geben.

Eher gemütlich ging es dann weiter durch dickes Gebüsch bis zum North Gate, das Tor zwischen Moremi und Chobe Nationalpark.

Um 9.30 Uhr starteten wir dann vom North Gate zu unserem nächsten Etappenziel: Savuti Safari Lodg. Wieder entschied ich mich für eine Strecke, die reizvoller und sehenswerter ist. Doch nach wenigen Kilometern streikte der „Sorgen-Defender“ vollends und wollte sich keinen Meter mehr bewegen. So fuhren die einen wieder zum North Gate zurück, um per Satellitentelefon den Jeep-Verleih zu kontaktieren. Doch man konnte hier nichts für uns tun. Nach etlichen Gesprächen und einen gescheiterten Versuch das Getriebe zu reparieren, fuhren wir um 13.30 Uhr in diesem schlechten Zustand weiter. Ca. 15 Kilometer kamen wir noch voran und dann ging nix mehr.  Da ich als „Oberzwerg“ getauft wurde, fällte ich die Entscheidung, dass der eine Jeep den anderen zieht und wir so auch durch die nächsten „Pfützen“ unbeirrt fahren werden. Im Grunde lagen die Nerven in diesem Moment blank. Hinter jeder Kurve lag eine neue Herausforderung, der wir uns stellen mussten. Wege hörten im Nichts auf und die Zeit rannte wie immer davon. Manchmal hilft der Zufall und etwas Glück weiter. Das Glück hatte in diesem Fall einen Namen und der war „Unimog“. Dieses Riesenungetüm zog uns in einer aussichtslosen Situation frei. Unser Ziel lag noch 66 Kilometer entfernt, war aber aussichtslos dieses zu erreichen. Für die insgesamt 55 Kilometer bis Mababe Gate, wo wir um 19.30 Uhr eintrafen und notgedrungen unser Camp aufbauen mußten, brauchten wir geschlagene sechs Stunden. Nicht nur gefühlt wurde so die vermeintlich kürzere Strecke vier mal so lang.

Am nächsten Tag, auf dem Weg zur Savute Safari Lodge, unser gestriges Ziel, erlebten wir ganz andere Extreme. Wir entschieden das Fahrzeug bis zur Lodge abzuschleppen – also noch mal 66 Kilometer. Und nun wurde es immer trockener. Kein Wunder also, dass die beiden Arbeitstiere auf der Sandridge Road versagten und im Sand stecken blieben. Den Geruch einer qualmenden Kupplung hat wohl jeder der Teilnehmer nun für immer in der Nase. Ich weiß, es klingt unglaubwürdig, aber uns ist dann wirklich noch das Seil gerissen, mit dem wir den Jeep abgeschleppt haben. Doch dank des Fingerspitzen-Gefühls von Torsten konnte es trotzdem weitergehen. Er hat es nämlich tatsächlich geschafft, das Drahtseil neu zu flechten. Für die 66 Kilometer bis zur Lodge brauchten wir dreieinhalb Stunden. Nach dieser Tortour stand endlich der Tausch des kaputten Jeeps an, auch wenn wir dafür den schwergewichtigen Fahrer des neuen Jeeps bis zur nächsten Station mitnehmen mussten. Zur Belohnung tauschten wir somit dann auch die Dachzelte gegen bequeme Lodges. Ich gebe zu, das war zwar so geplant, aber es wirkte in diesem Moment wie ein Geschenk.

In der Savute Safari Lodge erlebten wir eine spannende Jeeptour und relaxten einfach. Die nächste Nacht verbrachten die nun etwas entspannteren „Zwerge“ in der Chobe Safari Lodge bei Kasane. Hier gab es wieder eine herrliche Bootstour, bei der man Elefanten und Flusspferde inklusive einwöchigem Nachwuchs – diesmal aus angenehmer Distanz – beobachten konnte. Ohne die Angst, sein Ziel für die nächste Nacht nicht zu erreichen, war die wunderschöne Natur und deren Schauspiele ein viel intensiverer Genuß. Das galt auch für die Unterbringung: Da die eigentlich reservierten Lehmhütten unter Wasser standen, wurde uns ein Upgrade gewährt und so schliefen wir in wirklich luxuriösen Zimmern.

Zum Schluss ging es zur Victoria Falls Safari Lodge. Der Abenteuer-Gedanke kam auch hier nicht zu kurz. Afrikanische Bemalungen, ein Spaziergang mit (jungen und daher noch zahmen) Löwen sowie der Verzehr von Mopani-Würmern standen auf dem Programm. Außerdem konnte man die Sicht auf die Landschaft entweder beim Hubschrauber-Rundflug genießen oder – allerdings dann nur kurzzeitig – beim Bungee-Sprung. Falk nutzte die Gunst der Stunde und sprang 111 Meter vor der atemberaubenden Kulisse der Victoria-Wasserfälle in die Tiefe. Die Gischt, also die des Wasserfalls, nicht die von Falk, konnte man übrigens schon kilometerweit entfernt sehen. Ein bisschen sieht dieses Naturschauspiel wie eine Brandwolke aus. Auch haben wir eine andere Seite Afrikas bei unserem Besuch in Simbabwe kennen gelernt. Trotz der manchmal schlimmen Bilder der Armut, ist dies ein wichtiger Bestandteil unserer Reise, den wir im Gedächtnis gespeichert haben.

Und dann war sie auch schon zu Ende, unsere abenteuerliche Reise. Seit Oktober, so wurde uns versichert, hat kein Tourist mehr die Route von Xakanaxa zum North Gate auf der von uns gewählten Route geschafft. Was wir alles erlebt haben, realisierten wir erst weit nach dem Heimflug. Und eines ist ganz klar – die „Zwerge“ waren in Wirklichkeit ganz groß.


Caspar Venter


Bei folgenden Unternehmen möchte ich mich für die Unterstützung bedanken: British Airways, Kwenda Safaris, Chobe Safari Lodge, Desert & Delta Safaris, Three Cities / Victoria Falls Safari Lodge und Shearwater Adventures.Öffnet internen Link im aktuellen Fenster

 

 

 

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